Fanarbeit Schweiz ist empört über Artikel in der Zeitschrift «Police»

16.03.2021

Mit Empörung hat die «Fanarbeit Schweiz», der Dachverband der sozioprofessionellen Fanarbeit und nationale Fachstelle für Fanthemen, Kenntnis von einer dreiteiligen Serie in der Zeitschrift «Police» nehmen müssen, die als schweren rhetorischen Angriff auf die Fussballfans, die Fanszene und damit auch auf die Fanarbeits-Stellen der einzelnen Clubs im Schweizer Profifussball sowie auf die «Fanarbeit Schweiz» zu verstehen ist.

«Republik», das angesehene digitale Magazin für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur, hat sich in seiner Ausgabe vom 16. März 2021 durch Journalist Daniel Ryser ausführlich mit einer Artikelserie befasst, die in «Police», der monatlich in einer Auflage von knapp 26'000 Exemplaren erscheinenden Zeitschrift des «Verband Schweizerischer Polizei-Beamter VSPB», publiziert wurde.

Irritation, Empörung und auch vollständiges Unverständnis bei Fussballfans, bei den Fanarbeitsstellen und beim Dachverband «Fanarbeit Schweiz» hat namentlich ein langer Artikel einer «Police»-Redaktorin ausgelöst, in dessen Zentrum ein Interview mit einem anonymisierten ehemaligen Ultra aus St. Gallen steht.

Unwidersprochen und ohne von der Journalistin nachzuhaken oder von der Redaktion angemessen redigiert, durfte der «ehemalige Fussballchaot», wie er in «Police» bezeichnet wird, in diesem Interview zur Fanszene Schweiz schweres Geschütz auffahren – zum Beispiel, dass Fanarbeit nichts nütze, dass die Fans militärisch organisiert seien und dass man im Militär erworbenes Wissen in den Kurven einsetze, etwa Wissen über Sprengstoffe und verdeckter Kriegsführung.

Die totale Zuspitzung eines für die gesamte Fan- und Sozialarbeit unfassbaren Artikels ist die Aussage der anonymen Person, wonach sie die Fanszene mit den Methoden der «Hitlerjugend» vergleicht. Selbst hier bleibt ein Nachfragen der Journalistin aus, die ihrerseits im Editorial der «Police»-Ausgabe die Frage stellt, ob die Fanszene eine Subkultur oder eine Clankriminalität darstelle.

«Was läuft da genau?» – das fragt der Journalist Daniel Ryser, seit Jahren ein anerkannter und angesehener Kenner der Fanszene, in seinem Artikel in der «Republik», der sich kritisch mit dieser Art des Journalismus im Verbandsmagazin «Police» auseinandersetzt und dabei neben zutreffenden Einordnungen auch die richtigen Fragen stellt, Fragen eben wie jene, was da bei der Polizei und ihrem Monatsheft genau laufe.

Dabei stellt Ryser fest, was auch die Fanarbeit Schweiz massiv irritiert: «Die Stossrichtung des Artikels steht in auffälligem Widerspruch zur Debatte der vergangenen Jahre. So wurde an Dutzenden von Kongressen der Fussball- und der Eishockey-Liga und der städtischen Sicherheitsdirektionen landauf, landab darüber diskutiert, wie man der Gewalt rund um die Stadien mit weniger Repression begegnen könne. Man diskutierte Strategien von Deeskalation, Dialog und Prävention. Man diskutierte auch, ob man Pyrotechnik entkriminalisieren solle. Einig war man sich, dass mehr Geld in Fanprojekte investiert werden müsse, in die Fanarbeit, weil die Sozialarbeit ein wichtiges Mittel der Prävention sei. Immer mit am Tisch: die Polizei.»

Weiter zitiert Ryser Luca Maggi, grüner Zürcher Gemeinderat, Jurist und FCZ-Fan: «Dieses Interview wirkt von A bis Z inszeniert und liest sich wie eine Zusammen­fassung aller populistischen Aussagen zum Thema Fans der letzten Jahre. Ich dachte eigentlich, das muss erfunden sein. Diese Aneinanderreihung von Plattitüden. Dieser unwidersprochene Vergleich mit der Hitlerjugend: Entspricht das der Meinung des Polizistenverbands?»

Im Republik-Artikel werden noch zahlreiche andere Fragen oder Kritiken zur Veröffentlichung dieses anonymisierten Interviews und der Motivation der Redaktion zu einer solchen Publikation gestellt. Die Fanarbeit stellt sich all diese Fragen ebenfalls und lehnt diese Form von Journalismus zum Thema «Fans» ausgerechnet aus Polizeikreisen vollständig ab, zumal eine Aussage der Verbandssprecherin Alexia Hungerbühler im Namen von Verbandspräsidentin Johanna Bundi Ryser zusätzlich irritiert: «Wir sind uns im Klaren, dass gewisse Berichte in unserer Mitgliederzeitschrift polarisieren. Das nehmen wir gerne in Kauf und freuen uns über Feedback».

Nach Ansicht der Fanarbeit Schweiz ist das die journalistische Methodik des Boulevards, aber zielführend ist es mit Sicherheit nicht. Deshalb appelliert die Fanarbeit Schweiz – auch im Auftrag aller Fanarbeitenden – die in den letzten Jahren fruchtbare und von gegenseitigem Respekt geprägte Dialog-Kultur mit den Behörden und der Polizei weiterhin aufrecht zu halten und jene Ziele, die gemeinsam erreicht werden können und teilweise auch schon erreicht wurden, nicht zu gefährden und auf publizierte Sätze besagter Redaktorin wie «In der Zeit von Corona ist es ruhig um die Fussballszene. Doch zerschlagen ist sie noch lange nicht» zu verzichten.

Die Fanarbeit Schweiz anerkennt ausdrücklich, dass die Polizei eine andere Aufgabe hat als die Soziale Arbeit und dementsprechend ihren vom Staat auferlegten Auftrag erfüllen muss, auch wenn die angewandten Mittel gelegentlich nicht den Ideen oder Vorstellungen der Fanarbeit entsprechen. Die grundsätzliche Berechtigung und die Notwendigkeit der Fanarbeit haben auch die Polizei und die Mehrheit der Politik längst anerkannt. Deshalb wehrt sich die Fanarbeit Schweiz auch vehement gegen mögliche Pläne, «die Fussballszene zu zerschlagen», wie es die Redaktorin von Police eben mehr als nur angetönt hat.

Stellungnahme als Download

 

Kontaktperson

Josef Zindel
Präsident Fanarbeit Schweiz

Mobil: +41 79 343 56 80
E-Mail: josef.zindel@fanarbeit.ch

 

 


 

Fanarbeit Schweiz hat beschlossen die Reaktion des Verbands Schweizerischer Polizei-Beamter VSPB und deren Präsidentin Johanna Bundi Ryser auf unsere Stellungnahme hier zu veröffentlichen. Damit betrachten beide Seiten, wir von der Fanarbeit und die Polizeiseite den Fall als erledigt und beide Seiten betrachten zielführende und möglichst konstruktive Gespräche weiterhin als zielführend und notwendig, ohne dass wir deshalb grundsätzlich von unseren Vorstellungen und Haltungen zur Fanarbeit abweichen.

Stellungnahme zur Reaktion von Fanarbeit Schweiz des VSPB

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